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Der 7. Oktober und die lange Geschichte der Täter-Opfer-Umkehr

Eine Erinnerungsruf von Andreas Hofmeister.

Am 7. Oktober 2023 wurde Israel von einem Massaker erschüttert, dessen Bilder sich tief in das Gedächtnis des Landes und den Juden in aller Welt eingebrannt haben. Menschen wurden in ihren Häusern ermordet, Familien ausgelöscht, Kinder und alte Menschen getötet, junge Menschen, die auf einem Musikfestival zusammengekommen waren, verfolgt und erschossen, Frauen vergewaltigt. Viele Überlebende wurden nach Gaza verschleppt und als Geiseln gehalten.

Der Hass auf Israel und auf jüdisches Leben begann jedoch nicht an diesem Tag. Der 7. Oktober ist eigentlich ein Höhepunkt einer langen Geschichte von Gewalt und politischen Auseinandersetzungen, deren Wurzeln weit vor die Gründung des Staates Israel zurückreichen.

Wie konnte es geschehen, dass Israel, ein Land, das seit seiner Gründung immer wieder Ziel von Angriffen und Terror wurde, in Teilen der westlichen Öffentlichkeit zunehmend nicht mehr als angegriffenes Land, sondern als eigentlicher Täter wahrgenommen wird?

Die Antwort liegt nicht allein in der Politik einzelner israelischer Regierungen. Sie hat auch mit einer politischen Erzählung zu tun, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat und Israel darin eine ganz bestimmte historische Rolle zuweist.

Die Geschichte des Hasses beginnt nicht 1948

Die jüdische Verbindung zu diesem Land wurde nicht mit dem Zionismus des 19. Jahrhunderts erfunden. Jerusalem, Judäa und Galiläa gehören seit der Antike zum historischen, religiösen und kulturellen Gedächtnis des jüdischen Volkes. Der Zionismus war eine politische Bewegung der Moderne, knüpfte aber an eine sehr viel ältere jüdische Bindung an das Land an. Er entstand zudem vor dem Hintergrund einer langen Geschichte jüdischer Verfolgung – und diese beschränkte sich keineswegs auf Europa.

Auch im Nahen Osten reicht die Geschichte antijüdischer Gewalt weit über die Gründung Israels zurück. Bereits frühislamische Quellen berichten von gewaltsamen Konflikten Mohammeds mit jüdischen Stämmen in Arabien; im weiteren Verlauf der islamischen Geschichte wechselten Phasen vergleichsweise friedlichen Zusammenlebens mit Diskriminierung, Zwangskonversionen, Vertreibungen und Pogromen. In den letzten Jahrhunderten kam es im Nahen Osten immer wieder zu antijüdischer Gewalt – von Hebron und Safed bis Damaskus, Bagdad und Nordafrika.

Besonders deutlich wird die zeitliche Abfolge beim Farhud von Bagdad 1941: Einheimische Juden wurden in einem Pogrom ermordet, ihre Häuser und Geschäfte geplündert. Wichtig zu wissen: Zu diesem Zeitpunkt existierte Israel noch gar nicht. Auch die antijüdischen Ausschreitungen in Jerusalem 1920, Jaffa 1921 und Hebron und Safed 1929 fanden lange vor der Gründung des Staates Israel statt.

Die Behauptung, antijüdische Gewalt im Nahen Osten sei erst als Reaktion auf die Gründung Israels entstanden, hält einer historischen Betrachtung daher nicht stand.

Die Entstehung Palästinas

Auch die Geschichte Palästinas ist komplizierter, als die heute gebrauchten Begriffe vermuten lassen. „Palästina“ war seit den Römern vor allem eine geografische Bezeichnung. Im Osmanischen Reich und später unter britischem Mandat lebten dort Araber, Juden, Christen und andere Bevölkerungsgruppen zusammen. Alle verstanden sich als Palästinenser. Die spezifisch palästinensisch-arabische Nationalbewegung, die wir heute kennen, entwickelte sich erst später im 20. Jahrhundert.

Wie andere moderne Nationalidentitäten entstand auch die palästinensisch-arabische Identität historisch und wurde politisch ausgestaltet. Das ist an sich kein Problem. Problematisch wird es dort, wo daraus eine Geschichtserzählung entsteht, in der die jahrhundertealte jüdische Geschichte des Landes nur noch als Fremdkörper erscheint – als wäre Palästina über all die Jahrhunderte hinweg ausschließlich arabisch gewesen.

Auch das ist historisch nicht richtig.

Die Nakba und die vertauschte Reihenfolge

Dass Hunderttausende Araber im Krieg von 1947/48 ihre Heimat verloren, ist eine historische Tatsache. Die Nakba wurde deshalb zu einem zentralen Bestandteil palästinensischer Erinnerungskultur.

Aus diesem realen Flüchtlingsschicksal wurde jedoch vielfach eine weitergehende Kausalerzählung: Israel hätte die arabische Bevölkerung systematisch vertrieben und dadurch sei der Konflikt überhaupt erst entstanden.

Die tatsächlichen Ereignisse waren wesentlich komplexer. Flucht und Vertreibung verliefen von Ort zu Ort unterschiedlich: Manche Menschen flohen vor den Kämpfen, in anderen Orten kam es zu Vertreibungen durch jüdische Kräfte, andernorts spielten lokale arabische Entscheidungen und Fluchtaufrufe eine Rolle. Die Nakba hatte somit nicht eine einzige Ursache.

Auch der politische Zusammenhang wird häufig ausgeblendet. Die israelische Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 versprach allen Bürgern unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht vollständige soziale und politische Gleichheit und rief die arabischen Einwohner ausdrücklich dazu auf, am Aufbau des neuen Staates auf der Grundlage voller und gleicher Staatsbürgerschaft mitzuwirken. Zugleich bot Israel den Nachbarstaaten Frieden und gute Nachbarschaft an.

Dieser Anspruch wurde in der Realität nicht überall eingehalten; der Krieg führte auch zu Vertreibungen und Gewalt durch jüdische beziehungsweise israelische Kräfte. Aber daraus folgt nicht, dass Israel die Nakba „verursacht“ habe.Unmittelbar nach der Staatsgründung wurde Israel von den Armeen mehrerer arabischer Staaten angegriffen. Die Nakba ereignete sich im Verlauf dieses Krieges – nicht vor ihm und nicht außerhalb seines politischen Zusammenhangs.

Die historische Reihenfolge ist deshalb entscheidend: Aus der Nakba lässt sich nicht rückwirkend die ursprüngliche Ursache des israelisch-arabischen Konflikts machen.

Die ideologische Umdeutung

In den ersten Jahren nach 1948 stand die westliche Welt noch unter dem Schock der Nazizeit und des Holocaust. Israel wurde auch in Teilen der politischen Linken zunächst als notwendiger Zufluchtsort für Juden verstanden. Seine Existenz wurde kaum grundsätzlich infrage gestellt.

Der entscheidende Wandel vollzog sich vor allem während des Kalten Krieges. Die Sowjetunion stellte Israel zunehmend als Teil des westlichen Imperialismus dar und ordnete die palästinensische Bewegung in die Sprache des nationalen Befreiungskampfes ein. Nach der Annäherung an die palästinensischen Organisationen in den 1960er und 1970er Jahren verstärkte sich diese politische und propagandistische Unterstützung.

Diese Deutung fiel in Teilen der westlichen Linken auf fruchtbaren Boden. Der Antiimperialismus wurde zu einer zentralen Kategorie des politischen Denkens: Die Welt erschien zunehmend als Gegensatz von Kolonisatoren und Kolonisierten, Imperialisten und Befreiungsbewegungen, Unterdrückern und Unterdrückten. Die sowjetische Propaganda lieferte dafür Begriffe und Deutungsmuster; antiwestliche und antiisraelische Teile der westlichen Linken griffen sie dankbar auf und verbreiteten diese Ideologie weiter.

Damit veränderte sich auch die Wahrnehmung des Zionismus. Seine jüdische nationale Dimension und die jahrhundertelange jüdische Verbindung zu Jerusalem und dem Land traten in den Hintergrund. An ihre Stelle trat zunehmend das Bild eines europäischen Kolonialprojekts. Israel wurde zum Symbol des Westens, der USA und schließlich des „Siedlerkolonialismus“.

Damit veränderte sich auch die Bedeutung des Wortes „Widerstand“: Wer gegen den als Kolonisator verstandenen Gegner kämpfte, konnte als Befreiungskämpfer erscheinen. Die Frage, gegen wen gekämpft wurde, wurde auf einmal wichtiger als die Frage, was getan wurde oder welche Mittel eingesetzt werden, um das Ziel zu erreichen.

Der 7. Oktober

Der 7. Oktober hätte dieses Deutungsmuster erschüttern können. Denn plötzlich war „Widerstand“ kein abstrakter politischer Begriff mehr. Es gab konkrete Täter und Opfer: Menschen, die in ihren Häusern ermordet wurden, Familien, die ausgelöscht wurden, Kinder und alte Menschen, die getötet wurden, junge Frauen und Männer auf einem Festival, die verfolgt und erschossen wurden, und Menschen, die nach Gaza verschleppt und als Geiseln genommen wurden. Es waren grauenvolle Berichte und Bilder.

Doch selbst angesichts dieser Geschehnisse setzte in Teilen der westlichen Öffentlichkeit schnell wieder das alte Deutungsmuster ein. Noch bevor der israelische Militäreinsatz überhaupt richtig angefangen hatte, wurden die bekannten Begriffe aufgerufen: Kolonialismus, Siedlungen, Besatzung und palästinensisches Leid.

Dabei hatte Israel seine Siedlungen und seine permanenten Bodentruppen bereits 2005 aus dem Gazastreifen abgezogen. Die politische und militärische Kontrolle über Gaza ist seitdem Gegenstand einer anhaltenden und umstrittenen Debatte – aber die Behauptung, der 7. Oktober sei ein Aufstand gegen eine im Gazastreifen stationierte israelische Besatzungsmacht gewesen, geht hier völlig falsch.

Eine weitere Auffälligkeit ist die Tatsache, wie schnell nach dem Angriff bereits der Vorwurf des Genozids gegen Israel erhoben wurde. Und das bereits zu einem Zeitpunkt, als Israel den Kampf gegen die Hamas und für die Befreiung der Geiseln im Gazastreifen noch gar nicht begonnen hatte.

Auf diese Weise zeigte sich, wie tief das vorher etablierte Deutungsmuster inzwischen verankert war: Der Terroranschlag der Hamas wurde nicht bewertet, die verteilten Rollen blieben: Israel war der aggressive Kolonisator, die Palästinenser waren die leidenden Kolonisierten – und der israelische Gegenschlag erschien von Beginn an als Mittel für den Vorwurf des Genozids, der nie stattgefunden hat. Israel ist sehr erfolgreich darin, nur Kämpfer und Terroristen zu treffen und zivile Opfer weitgehend zu vermeiden.

Die eigentliche Umkehrung

Vielleicht liegt hier der Kern des Problems: Nicht das palästinensische Leid wird geleugnet – es wird jedoch politisch instrumentalisiert. Aus einer komplexen, jahrtausendealten Geschichte wird eine Erzählung über wenige Jahrzehnte, in der Israel zum Ausgangspunkt des Konflikts wird – und die Gewalt gegen Israel zur bloßen Folge israelischen Handelns. 

Die historisch gesicherte jüdische Geschichte dieses Landes wird verfälscht zur Geschichte einer europäischen Kolonisierung. Die Entstehung der palästinensischen Nationalbewegung wird zur Geschichte eines angeblich seit jeher bestehenden einheitlichen Volkes, das angeblich von europäischen Siedlern verdrängt worden sei. Die Nakba wird zum ursprünglichen Ereignis, obwohl sie sich im Verlauf des Krieges von 1947/48 ereignete. Und bewaffneter Kampf gegen Israel wird als „Widerstand“ bezeichnet, während Israels Versuch, seine Bevölkerung gegen diesen Kampf zu schützen, als eigentliche Ursache der Gewalt erscheint.

So entsteht ein in sich geschlossenes Erklärungssystem: Was Israel tut, bestätigt seine Schuld; was seine Gegner tun, wird durch Israels Schuld erklärt. Auf diese Weise liegt die Schuld stets bei Israel. Das jedoch wird der komplexen historischen Wirklichkeit nicht gerecht.

Deshalb ist der 7. Oktober so verstörend. An diesem Tag ließ sich das Geschehen nicht mehr in abstrakten Begriffen wie „Widerstand“, „Kolonialismus“ oder „Befreiungskampf“ betrachten. Es gab zu viele unschuldige Menschen, darunter auch alte hilflose Menschen und Kinder, ja sogar Babys, die grausam misshandelt, gefoltert, getötet oder als Geiseln verschleppt wurden.

Ein Massaker an Zivilisten wird nicht dadurch zu einem Befreiungsakt, dass man ihm eine lange Vorgeschichte zusammenkonstruiert. Keine Besatzung, keine Siedlung und kein historisches Unrecht rechtfertigen den Mord oder die Entführung von Menschen, die einfach nur friedlich in ihrem Land leben wollen. 

Nicht verdrängen

Der 7. Oktober sollte klarmachen, dass eine rechtfertigende Erklärung zum „Widerstand“ in eine Täter-Opfer-Umkehr umschlägt. Der 7. Oktober war kein abstraktes „Ereignis im Kontext“ – er war ein Massaker.

Nichts an der Geschichte des Nahostkonflikts macht diesen Horror und diese Barbarei zu einem „legitimen Widerstand“. Und der 7. Oktober darf nicht nachträglich in einer Erzählung verschwinden, in der Israel zum Ursprung allen Unrechts erklärt wird. Wer dafür die jüdische Geschichte des Landes ausblendet, beschreibt Geschichte nicht mehr – er schreibt sie um.

Die jüdische Geschichte dieses Landes hat nicht mit der Staatsgründung 1948 begonnen. Die Geschichte der Gewalt gegen Juden im Nahen Osten hat nicht mit dem Zionismus begonnen. Der jüdisch-arabische Konflikt hat nicht mit der Nakba begonnen. Und der 7. Oktober war nicht die Folge einer israelischen Reaktion, sondern der Angriff der islamistischen Hamas auf Israel, mit dem der Gaza-Krieg begann.

Vielleicht ist das die wichtigste Erinnerung zum Jahrestag des 7. Oktober: Nicht jede Tat wird dadurch entschuldigt, dass man sie „in einen Kontext stellt“. Manche Taten müssen als das benannt werden, was sie sind.

Und so ist festzuhalten: Es gibt keine Rechtfertigung für den 7. Oktober, denn es war einfach nur ein Massaker an jüdischen und auch nicht-jüdischen unschuldigen (!) Menschen.

Das darf nicht vergessen, verdreht oder verdrängt werden.

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